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Die drei Staaten Estland, Lettland und Litauen, an der Ostsee gelegen, existieren im heutigen europäischen Bewusstsein überwiegend erst seit dem Zerfall der Sowjetunion. Die EXPO 2000, aber auch die Schwerpunktsetzung bei den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt am Main, gaben Gelegenheiten, sich mit ihnen vertraut zu machen. Die Zugehörigkeit dieser Staaten zum europäischen Wirtschafts- und Kulturkreis wurde mit dem Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai 2004, wenige Tage nach ihrer Aufnahme in die NATO, manifestiert. Damit verbunden war nicht nur ein Angleichungsprozess an europäische Werte und Normen, sondern auch ein Popularitätsschub, ausgelöst durch mediale und kulturelle Darstellungen in den deutschsprachigen Ländern.
Das Baltikum lässt sich als Schnittstelle zwischen West und Ost, Grenzlandschaft zwischen Okzident und Orient, multiethnischen und multikonfessionellen Raum auffassen.
Allerdings bedeutet diese vermeintliche Einheit auch eine faszinierende Vielfalt, die es zu entdecken gilt: drei Länder an der östlichen Ostseeküste mit drei unterschiedlichen Staatssprachen, (noch) unterschiedlichen Währungen, unterschiedlichen historischen, ethnischen und religiösen Einflüssen. Ist es nun eine oder sind es drei spannende Natur- und Kulturlandschaften?
... liegt das Baltikum in Nordostmitteleuropa, doch Zuordnungen fallen schwer: für Osteuropa ist es zu westlich, für Nordeuropa zu weit südlich, Ostmitteleuropa hört hinter Polen auf, obwohl doch die geographische Mitte Europas in der Nähe der litauischen Hauptstadt Vilnius zu finden ist.
Am nördlichsten liegt mit Estland der kleinste, bevölkerungsärmste und am geringsten besiedelte Staat, der aber trotzdem mit seinen 45.227 km2 flächenmäßig größer als Dänemark oder die Niederlande ist. Lettland nimmt bezüglich Lage, Größe und Bevölkerung die goldene Mitte ein. Litauen, das südlichste Land des Baltikums, ist zwar kaum größer, überrundet aber mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern Estland um zwei Millionen und Lettland um eine Million.
... bilden das Litauische und das Lettische die Überlebenden des baltischen Zweiges des Indogermanischen: jene Sprachen, die mit dem Sanskrit noch am ehesten gemeinsame Wurzeln aufweisen. Dagegen ist das Estnische, neben dem Finnischen und Ungarischen, finno-ugrischer Abstammung. Um die sprachlichen Eigenheiten anzudeuten, sei auf den Begriff "Bier" verwiesen, übrigens auch im Baltikum ein empfehlenswertes und sortenreiches Nationalgetränk: "õlu" im Estnischen, "alus" im Litauischen und Lettischen.
... erscheint das Baltikums typisch für ein von der Eiszeit geformtes Gebiet: leicht hügelig mit vielen Flüssen, Seen, Wald-, Sand- und Moorflächen, dem einen vielleicht zu karg und eintönig, die meisten allerdings bezaubert es durch eine scheinbare Unberührtheit und Weite. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch zivilisationsfreie Gegenden, eine geringe Bevölkerungsdichte und die langsam aussterbenden zaunlosen Eigentumsflächen. Relationen im Baltikum relativieren sich manchmal: Estlands höchster Berg, der Suur-Munamägi misst 318 m und überrundet damit seinen lettischen Konkurrenten, den Gaiziņkalns um 6 m und den litauischen "Rekordhalter", den Juozapinės kalnas gar um 24 m. Estland ist nicht nur am insel-, sondern auch am kraterreichsten. Aber dass die Sanddünen auf der Kurischen Nehrung in Litauen europäische Maßstäbe haben, wusste nicht nur Thomas Mann. Literarisch verarbeitete er auch den Glint, die estnische Steilküste - vielleicht das markanteste Naturphänomen Estlands.
... waren es finnisch-ugrische Stämme, die, aus Asien kommend, den nördlichen Teil des Baltikums mehrere Jahrtausende vor unserer Zeit besiedelten. Baltische Stämme wanderten dagegen von Südwesten ein.
In das abendländische Bewusstsein gerieten diese Ostseegebiete durch die Handelsbeziehungen der Hanse, seit dem Ende des 12. Jahrhunderts durch christliche Missionare, die alsbald durch gewaltbereite Ritterorden unterstützt wurden.
Im damaligen Alt-Livland (Estland, Livland, Kurland), den heutigen estnischen und lettischen Gebieten, gab es bis Mitte des vorigen Jahrtausends Machtkämpfe zwischen der Landbevölkerung und den Bischöfen, Ordensrittern und städtischem, größtenteils deutschem, Bürgertum. Die Entwicklung Litauens gestaltete sich anders: über weite Teile nicht vom Deutschen Orden erobert, bauten der einzige litauische König und die ihm nachfolgenden litauischen Großfürsten einen Staat auf, der bis zum Schwarzen Meer reichte. Europas letzte heiratsbedingte Christianisierung, 1385, ging einher mit einer Jahrhunderte währenden Verschmelzung der litauischen und polnischen Eliten.Während des Livländischen Krieges im 16. Jahrhundert waren die Gebiete des "historischen" Baltikums in Kämpfe mit den Außenmächten Dänemark, Schweden, Russland und Polen verwickelt. Die Schweden besetzten Estland und Teile Lettlands, während Polen seine Machtbasis in den übrigen lettischen Gebieten ausbaute. Die dadurch bedingten unterschiedlichen Auswirkungen der Reformation fallen zudem in diese Periode.Russlands dauerhafte Herrschaft über das heutige Baltikum setzte erst später ein: als Ergebnis des Großen Nordischen Krieges Anfang des 18. Jahrhundert und der polnischen Teilungen, die nach der Dritten, 1795, auch das weitere Schicksal Litauens besiegelte. Wirtschaftlich behielten aber die Deutschbalten und die polnische Oberschicht ihre Machtpositionen bei.
Der Prozess der kulturellen Selbstbesinnung der Esten, Letten und Litauer ab Mitte des 19. Jahrhunderts führte zu einer ersten staatlichen Selbständigkeit als Folge des Ersten Weltkrieges. Ähnliche Entwicklungslinien sind ab dieser Periode für alle drei Länder zu beobachten: Friedensschlüsse mit Sowjetrussland, Wirtschafts- und Bodenreformen, weitreichende Minderheitenrechte, aber auch starke Nationalisierungstendenzen, autoritäre Regierungsformen und außenpolitische Spannungen.
Die Auswirkungen des Hitler-Stalin-, oder genauer Molotov-Ribbentrop-Paktes, von 1939 waren für die baltischen Länder und ihre Bevölkerungen fatal: die Aussiedlung der Deutschbalten; die sowjetische Annektierung 1940 mit ersten Massendeportationen; die deutsche Besatzungszeit 1941-44/45 mit der fast vollständigen Vernichtung der jüdischen Bevölkerungsgruppen. Gerade die erste Phase der sich anschließenden, erneuten Sowjetisierung aller Gesellschaftsbereiche war bis zu Stalins Tod wiederum durch Repressionen und Massendeportationen gekennzeichnet. Allerdings war auch der bewaffnete Widerstand der "Waldbrüder", vor allem in Litauen, bis 1953 sehr ausgeprägt.
Erst die Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum Ende der 1980er Jahre, bekannt als "singende Revolution", führten zum Ende der sowjetischen Vorherrschaft, zur erneuten Eigenstaatlichkeit und trugen zum Zerfall der Sowjetunion bei.
...haben Estland, Lettland und Litauen ihr Schicksal seit 1991 wieder selbst in die Hand genommen: die Transformationen waren geprägt vom (Wieder)aufbau eines demokratischen Rechtsstaates.
Die unterschiedlichen Hinterlassenschaften der sowjetischen Zeit bezüglich des Anteils eingewanderter russischsprachiger Bevölkerungsgruppen bestimmten die Debatten um die Sprach- und Staatsbürgerschaftspolitik und auch das Außenverhältnis zu Russland: bei Estland und Lettland waren die Anteile der Titularnationen auf 62% und 52% gesunken, allein Litauen konnte damit nahezu problemfrei umgehen.
Außenpolitisch hatte für alle drei Staaten die "Rückkehr nach Europa" in Form einer zweifachen Westbindung oberste Priorität. Während eine innerbaltische Zusammenarbeit mehr deklaratorischen Charakter hatte, orientierten sich vor allem Estland und Litauen an ihre jeweiligen sprachlichen bzw. historischen Partner: Finnland bzw. Polen.
... verlief der Umbau einer Plan- in eine Marktwirtschaft in den drei Ländern nach unterschiedlichen Mustern: Am radikalsten orientierten sich die Esten frühzeitig an einer liberalen Wirtschaftsordnung. Die baldige Währungsreform 1992, investitionsfreundliche Steuer- und Wirtschaftspolitik, konsequente Privatisierungen bescherten Estland beispielhafte ökonomische Kennziffern und Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union noch vor Lettland und Litauen. Dass Estland darüber hinaus gezielt auf neue Technologien und Kommunikationsmittel setzt, lässt sich an den landesweiten Internetzugängen, so auch an Tankstellen, der Bezahlung von Bustickets, Barrechnungen und Parkplätzen mittels Handy feststellen. Lettland zog durch seine zentrale Lage ausländische Investoren an. Dagegen waren die Litauer im ersten Jahrzehnt ihrer Unabhängigkeit reformbedächtiger. Die wirtschaftliche Konsolidierung setzte erst danach schwungvoll ein und litauische Supermarktketten dominieren inzwischen nicht nur die baltischen Märkte, sondern haben erste Filialen in Rumänien und Bulgarien eröffnet. Dass Estland und Litauen den Euro bereits nächstes Jahr einführen können, unterstreicht diese Entwicklungen.
... bedeutet das Baltikum zuallererst eine historisch bedingte Vielfalt der Kulturen. Vor allem Deutsche, Russen, Weißrussen, Schweden, Juden und Polen haben nicht nur ihre Spuren hinterlassen, sondern stellen je nach Land in unterschiedlichem Grad auch heute Teile der Bevölkerung. Der Katholizismus dominiert vor allem in Litauen und einem Teil Lettlands, während in den beiden anderen Staaten evangelische und orthodoxe Kirchengemeinschaften verbreitet sind.
Bis heute nachwirkend, spür- und sichtbar ist die vom mittelalterlichen GroßfürstentumLitauen ausgehende Toleranzpolitik gegenüber ethnischen und religiösen Minder-heiten, wie den Altgläubige, Juden, Karaimen (Karäern), Tataren und Roma.
... brauchen sich die "kleinen" Staaten des Baltikums nicht verstecken: Die Hochkultur mit ihrer Infrastruktur war schon zu Sowjetzeiten höchst entwickelt und die Theater, Philharmonien, Opern- und Balletthäuser haben auch heute nichts von ihrem ausgezeichneten Ruf eingebüßt.
Die Volkskultur und ihre Pflege, die früher ein Teil nationaler Überlebensstrategie war, hat eine lange Tradition und prägt bis heute die Identität der Menschen. Holzgeschnitzte Skulpturen am Wegesrand, ethnographische Freilichtmuseen oder die regelmäßig stattfindenden Sängerfeste sind nur einige Beispiele folkloristischen Selbstverständnisses.
Dass sowohl die Sängerfeste in allen drei baltischen Staaten, als auch die vor allem in Litauen vorkommenden Kreuzschnitzereien Aufnahme in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit fanden, unterstreicht eindrucksvoll ihre globale Bedeutung.
... dominieren neben den landestypischen Holzbauten Baudenkmäler verschiedener Architekturstile. Riga ist für seine Jugendstilbauten berühmt, Tallinn für seine mittelalterliche, hanseatische Altstadt und Vilnius für sein einzigartiges Barockensemble. Backsteingotikbauten sind ebenso zu finden wie die Fachwerkhäuser in früheren deutschen Siedlungsgebieten. Burganlagen deutscher Ordensritter und Bischöfe prägen neben zahlreichen Herrensitzen die estnische und lettische Landschaft, in Litauen dagegen die steinernen Befestigungsanlagen der mittelalterlichen Großfürsten. Zahlreiche Sakralbauten unterschiedlicher Religionen dokumentieren die ethnische Vielfalt der Region.
... ist die ursprüngliche Küche der baltischen Region ländlich-herzhaft und jahreszeitenabhängig. Neben Fisch, Wild, Beeren und Pilzen sind vor allem Kartoffelgerichte prägend. Mit Dill und Kümmel wird bevorzugt gewürzt. Eine Gaumenfreude sind auch heimische Milchprodukte, Back- und Konditoreiwaren. Zu den landestypischen Hochprozentigen auf Kräuter- und Honigbasis zählen der litauische Midus, der lettische Balzams und der estnische Vana Tallinn.
... sollten diese Mosaiksteine von Unterschieden und Gemeinsamkeiten der baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland als Geschichts-, Kultur- und Naturlandschaft(en) Europas die Lust auf mehr und das Interesse eines persönlichen Kennenlernens wecken.
Unsere Reisen in das Baltikum gehen konform mit der angedeuteten Vielschichtigkeit: zwei Regionenreisen durch alle Länder, sowie einzelne Länderreisen, die auch kombiniert gebucht werden können.