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Das Epos "Kalevipoeg" entstand zu großen Teilen erst im 19. Jahrhundert, vereint in sich aber alte Sagen, Tallinns Gründungslegende und beschreibt das innige Verhältnis der Esten zu ihrer Natur. Über weite Strecken noch unberührt, werden auch Sie die Moore, Steilküsten, riesigen Waldflächen, idyllischen Seen und unzähligen Inseln verlockend finden.
Dänische, schwedische, russische und deutsche Einträge in diese Kulturlandschaft sind vielerorts zu spüren. Die wechselnden Fremdherrschaften haben in Estland immer wieder zu Zerstörungen, aber auch zum Neuaufbau geführt.
Wir nehmen unseren Weg über die Ostsee, wie ehedem die Kaufleute der Hanse. Allerdings sind wir nicht ganz so frei, wie sie. Die Fährverbindungen zwischen Deutschland und Tallinn sind leider eingestellt worden. So werden unsere Estland-Entdeckungen in Riga ihren Ausgangs- und Endpunkt nehmen.
Riga, die lettische Metropole mit Weltkulturerbestatus, erwartet uns mit einem architektonisch interessanten Ensemble aus Bauwerken der mittelalterlichen Hansezeit, einer Fülle von Jugendstilgebäuden und einer Vielzahl noch erhaltener zweistöckiger Holzhäuser. Wir werden bei den Rundgängen in der Rigaer Alt- und Neustadt einiges über die Geschichte der Stadt und des Landes erfahren und uns zwischendurch in einer Schokoladerie verwöhnen lassen. Am Abend genießen wir nicht nur die lettische Küche in einem Restaurant, sondern haben dabei die Gelegenheit, von einer Journalistin, auch in individuellen Gesprächen, mehr über das alltägliche Leben, die Reize und Probleme der baltischen Region zu erfahren.
Auf dem Weg nach Estland werden wir einen ersten Halt in einer geteilten Stadt machen, in Valka oder Valga. Ursprünglich verlief hier die Grenze zwischen den Besitzungen des Schwertritterordens und des Rigaer Bischofs. Später, während der wechselnden Fremdherrschaften, war eine gemeinsame Entwicklung möglich. Das Trennende einer Staatsgrenze erlebte diese Stadt mehrmals: immer in Zeiten der Unabhängigkeit, in der Zwischenkriegszeit und wieder seit 1991. Das lettische Valka ist bedeutend kleiner als das estnische Valga, aber die grenzbedingten Besonderheiten sind eine kleine Erkundungstour und ein Mittagessen wert. Übrigens ist Valka und Valga eine der wenigen Städte des früheren Alt-Livland, die, trotz strategisch günstiger Lage, niemals mit einem Festungsbau prunken konnte.
Während Valka und Valga darauf hoffen kann, im Zuge eines grenzenlosen Europas seinen besonderen Status langsam wieder abbauen zu können, sehen die Prognosen in dieser Hinsicht für das estnische Narva und das russische Iwangorod wesentlich düsterer aus. Seit dem Beitritt Estlands zu Europäischer Union bildet der die beiden Städte trennende Grenzfluss die besonders gesicherte EU-Außengrenze und damit wieder einen nach Osten verschobenen Grenzwall.
Narva, das zum überwiegenden Teil von einer russischsprechenden Bevölkerung besiedelt ist, wird uns nachhaltig beeindrucken. Der schon erwähnte Grenzanachronismus, die symbolträchtigen Festungsanlagen, Narvas Rolle als russisches Stiefkind Estlands, und vor allem eine Innenstadt, die im letzten Krieg nahezu komplett zerstört und dann planlos neugebaut wurde, präsentieren sich den wenigen Besuchern. Einzig Fotografien und Bruchstücke künden von vergangener Schönheit.
Tallinn und Tartu, auch als Reval und Dorpat bekannt, sind nicht nur die beiden größten estnischen Städte, sondern spiegeln durch ihre Bauwerkssubstanz die wechselvolle Geschichte von Selbst- und Fremdherrschaft(en) eindrucksvoll wider.
Tartu, die älteste und heute zweitgrößte Stadt Estlands, stellt vor allem durch ihre, von den Schweden gegründete Universität das geistige Zentrum des Landes dar. Während des Nordischen Krieges (1700-1721) von den Russen zerstört und danach wieder von ihnen aufgebaut, war Tartu die Wiege der estnischen Nationalbewegung und Ort der ersten Sängerfeste. Klassizistische Bauten bestimmen das Stadtzentrum. Sehenswert sind ebenso die europaweit einmaligen Terrakottaplastiken an der gotischen Johanneskirche.
Tallinn, von den Dänen gegründet, imponiert durch einen mittelalterlichen Stadtkern, der auf weniger als einem Quadratkilometer Architekturgeschichte aus acht Jahrhunderten vereint und während des Zweiten Weltkrieges fast nicht zerstört wurde. Einmalig für eine europäische Metropole ist die Aufteilung in eine Ober- und Unterstadt, getrennt durch eine intakte Stadtmauer. Die Oberstadt war immer Herrschaftszentrum, angefangen von den Dänen über den Livländischen Orden, den Russen bis zu den estnischen Selbstbestimmungszeiten. Als städtisch-bürgerlicher Gegenpol, wurde die Unterstadt seit den Hansezeiten durch Handwerker- und Kaufmannsgilden dominiert. Zahlreiche sehenswerte Sakralbauten unterschiedlicher Konfessionen runden dieses einzigartige Stadtbild ab.
Dass Tallinn außerhalb dieses Quadratkilometers noch einiges Bewundernswertes zu präsentieren hat, werden wir beim Besuch des Katharinenschlosses mit seiner Parkanlage, der Klosterruine in Pirita und des Sängerfeldes feststellen. Die "Singende Revolution" Ende der 1980er Jahre hatte hier ihren Ursprung. Im ethnographischen Freilichtmuseum können wir nicht nur das ursprüngliche estnische Landleben mit seinen Bräuchen, auch speisend, nachvollziehen, sondern auch bei einem Folklorekonzert und anschließender Gespächsmöglichkeit estnische Liedkunst genießen und erfahren.
Historische Baudenkmäler vergangener Epochen werden wir auch abseits von Tartu und Tallinn entdecken können, so den restaurierten Gutshof deutschbaltischen Adels in Palmse, imposante Ordensburgen und Bischofssitze in Narva, Rakvere, Haapsalu und Kuressaare. Dies gibt uns reichlich Gelegenheit, uns mit diesem herrschaftlichen Erbe und seiner Geschichte vertraut zu machen.
Die estnische Naturlandschaft ist von einer einzigartigen Vielfalt. Das Festland, sowohl hügelig als flach, durchziehen zu zwei Fünfteln endlose Wälder. Ein weiteres Fünftel bedecken Moore und Sümpfe. Gemeinsam werden wir Estlands höchsten Berg erklimmen, Moore durchwandern, die Weite des Peipus-Sees genießen, uns an der Grint genannten Steilküste die Brise um die Ohren wehen lassen, an Wasserfällen berauschen und in einen Teil der Inselwelt eintauchen. Zahlreiche Kur- und Erholungsorte mit ihrer malerischen Holzarchitektur aus der Zarenzeit laden uns zu kürzeren und längeren Aufenthalten ein: Narva-Jõesuu im äußersten Nordosten, Haapsalu und Pärnu an der estnischen Westküste und die Inselstadt Kuressaare.
Die Schatten der Vergangenheit sind noch immer spürbar. Sowjetische und deutsche Besatzungszeiten thematisch in ihrer Kompexität kennen zu lernen, ist einer der inhaltlichen Schwerpunkte der Reise. Gespräche, sowie Besuche des KGB-Museums in Tartu, des Okkupationsmuseums in Tallinn und Teile der Ausstellung des Inselmuseums in Kuressaare werden uns diesbezüglich aufschlussreiche Einblicke und Hintergrundinformationen geben.
Ein anderer Schatten ist die industrielle Umweltverschmutzung als Hinterlassenschaft eines planwirtschaftlichen Systems. Estland ist relativ reich an Bodenschätzen und durch den Abbau der Ölschiefervorkommen im Nordosten wird zwar ein Großteil des Energiebedarfs gedeckt, aber auch die Umwelt geschädigt. Mit der Besichtigung eines ehemaligen Ölschiefer-Bergwerkes und der Aschehalden werden wir uns einem weiteren Schwerpunktthema annähern.
Verbotene Zonen gab es in der Sowjetunion viele. Eine der bekanntesten Militäranlagen ist das Gebiet um die Hafenstadt Paldiski, die ihren Platz nach dem Abzug russischer Truppen erst wieder finden muss und uns gerade deswegen einen Besuch wert ist.
Die Aufgeschlossenheit der Esten gegenüber modernen Entwicklungen könnte eines Tages legendär werden. Hier wurden erstmals Wahlen ausschließlich durch elektronische Stimmabgabe durchgeführt. Papierloses Regieren, Bezahlung vielfältiger Dinge über das Handy, die Erfindung der Internettelefonie, sind weitere Eckpunkte. Landesweit kostenlose Internetzugänge, sozusagen mit dem "Fahrrad ins Internet", ermöglichen auch der Landbevölkerung globale Informationen.