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Die Weltoffenheit einer Hafenstadt entfaltet sich im südlichen Flair von Odessa auf
besondere Weise. Puschkin hat in seinem Gedicht nur eine kleine Anzahl der 130
Nationalitäten aufzählen können. Odessa entwickelte sich in den letzten 200 Jahren zu einer
Metropole, die von vielen Kulturkreisen geprägt wurde.
Hier begegnete die Antike dem
Reitervolk der Skythen. Hier herrschten über Jahrhunderte die Osmanen, nach den
russisch-türkischen Kriegen ab 1789 schließlich die Russen.
1794 erfolgte auf einen
Erlass der Zarin Katharina II. die Gründung des Hafens.Schnell entstand der wichtigste
Hafen des Russischen Reiches, der über viele Jahre hinweg auch die Privilegien einer
Freihandelszone genoss.
Das damals am Reißbrett geplante, moderne, schachbrettartige Straßensystem ist noch heute charakteristisch für Odessa. Vor allem die Gouverneure der ersten 50 Jahre engagierten sich stark für eine moderne Stadtentwicklung. Die Architektur der Stadt kündet von der großen wirtschaftlichen Blüte dieser Zeit. Üppiges Grün beherrscht fast alle Straßen. Man wandelt durch malerische Alleen weit ausladender Platanen, Akazien, Kastanien oder Sommerlinden. Größe und Erhabenheit strahlen auch die edlen Straßenpflaster und die großzügige Breite der Boulevards aus. Odessa war einst eine reiche Stadt und ist dabei, es wieder zu werden. Auch über eine neue Freihandelszone wird nachgedacht.
Am Hafen werden auch unsere Erkundungen beginnen. Die Landungsbrücken hinter uns lassend,
ersteigen wir die Potjomkin-Treppe - benannt nach der berühmten Szene im Film
"Panzerkreuzer Potjomkin", mit deren Eindringlichkeit der Regisseur Sergej Eisenstein
Filmgeschichte schrieb.
Genießen Sie den Blick hinunter auf den Hafen und die Weiten
des Schwarzen Meeres, bevor Sie eintauchen ins mondäne Treiben der Boulevards.
Es folgt ein Streifzug durchs Zentrum der Stadt. Die Kirchen und Synagogen strahlen etwas
von der Religiosität aus, zu der die Menschen nach der Sowjetzeit zurückgefunden haben.
Wie ein Gegenpol dazu wirken die großen Kaufhäuser, verpflichtet der "Religion" des Konsums.
Der zweite Tag hält sinnliche Erlebnisse der Extraklasse für Sie bereit. Das Archäologische
Museum beherbergt eine umfangreiche und wirkungsvoll präsentierte Sammlung antiker Kunst aus
skythischen und griechischen Werkstätten des gesamten nördlichen Schwarzmeerraumes. Sie
erhalten Einblick in eine längst vergangene Epoche, als nomadische Skythen der
darstellenden Kunst in Griechenland und Europa nachhaltige Impulse gaben. Sie werden sich
in ungewöhnlich lebendiger Weise von Menschen angesprochen fühlen, die vor zwei
Jahrtausenden lebten und uns in ihren Skulpturen, Schmiede- und Töpferarbeiten noch heute
vieles zu sagen haben.
Am Nachmittag werden Sie bei der Verkostung von regionalen Weinen
verwöhnt.
Odessa rühmt sich ebenso Kurort zu sein. Ein Boot bringt uns zu den peripher gelegenen
Badestränden. Der Rückweg führt uns durch den Ševčenko-Park. Von hier eröffnen sich
beeindruckende Blicke auf den Hafen mit einem regelrechten Wald von Kränen. Vorbei an den
Überresten der russischen Festung gelangen wir zurück in die Innenstadt.
Odessas Ruhm
beruht auch auf seinem literarischen Leben, das bald nach der russischen Stadtgründung
aufblühte und bis heute von hier nicht wegzudenken ist. Der regionale literarische Kosmos
ist von einer Vielfalt und Tragweite, so dass wir uns ihm nicht nur einmal zuwenden. Wir
beginnen mit Erinnerungsstücken zur Entwicklung des regionalen Literaturschaffens von der
Stadtgründung bis zur Oktoberrevolution. Hier begegnen uns Namen wie Puschkin, Gogol und
Tolstoj. Sie werden dabei nicht nur manchen großen Schriftsteller "wiedersehen" oder neu
kennenlernen, sondern auch eine Vorstellung vom jeweiligen Zeitgeist und der
Regionalgeschichte erhalten.
Odessa hat viele Gesichter, darunter auch so manches "schräge". Wir begeben uns auf die Spuren berühmter Krimineller, die man in gewissem Sinne als Originale bezeichnen kann. Später steigen wir hinab in die Katakomben, die eine weitverzweigte Welt für sich darstellen. Entstanden schon in der Gründungszeit als Fluchtweg für die Obrigkeit, wurden sie im Folgenden zur Zufluchtsstätte für Schmuggler, Piraten, Bolschewisten und Partisanen. Heute haben sich an einigen Stellen vor allem obdachlose Jugendliche eingerichtet.
Eine reiche Bürgerschaft hinterlässt in einer Stadt neben prunkvollen Bauwerken auch Kostbarkeiten der darstellenden Kunst. In Odessa ist ein Teil dieses reichen Erbes im Museum für westeuropäische und orientalische Kunst ausgestellt. Hier können Sie indische Skulpturen und kostbare chinesische Vasen ebenso bewundern wie Gemälde italienischer, französischer und holländischer Künstler. Im Anschluss werden diese Eindrücke noch bereichert durch die Besichtigung architektonischer Meisterwerke. Hervorzuheben ist die Oper als eine Perle des Wiener Barocks. Ein ausgesuchtes Glanzstück ist auch die Philharmonie, errichtet in Florentiner Gotik, deren Inneres bestimmt wird durch monumentale Renaissance-Elemente. Diese schaffen ein unvergessliches Erlebnis von Raum, Licht und Farbe.
Am letzten Tag in Odessa wenden wir uns noch einmal ihrer literarischen Seite zu. Das Augenmerk gilt diesmal der sowjetischen Epoche. Die radikalen Veränderungen in Politik, Gesellschaft und Alltag schlugen sich in originellen künstlerischen Formen nieder. Die Suche der Künstlerszene und Intelligenzija nach neuen Wegen in jener aus den Fugen geratenen Zeit gehört zum Spannendsten, was in Kunst und Literatur vorstellbar ist. Zumal wir hier auf eine schillernde Vielfalt von Charakteren treffen, unter denen sich Namen wie Bunin, Achmatowa, Babel, Majakowski und Ilf und Petrov befinden. In den Jahrzehnten politischer Stagnation nach der Konsolidierung der Sowjetmacht nutzten einige Autoren die Literatur und flochten, subtil die Zensur umgehend, in ihre Texte Kritik ein. Der sprichwörtliche Humor der Odessiten sorgte dabei für eine kräftige Würze.
Unser Weg führt uns vorbei an Lebensstationen großer Literaten und wir gelangen in ein Viertel mit einer ganz eigenen Atmosphäre - die Moldawanka. Wie der Name bereits vermuten lässt, leben hier viele Einwanderer aus Moldawien. Es ist eine Armeleutegegend, die vergleichsweise ländlich wirkt. Wieder auf dem Rückweg ins Stadtzentrum kommen wir zur zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust, der auch in Odessa tiefe Narben hinterließ.
Am Abend heißt es Abschied nehmen, bevor uns der Nachtzug in die ukrainische Kapitale
bringt. Nach einem ersten Rendezvous mit dem morgendlichen Kiew führen wir Sie durch
die mittelalterliche Oberstadt. Die einzigartige Sophienkathedrale (Teil des
UNESCO-Weltkulturerbes), die Andreaskirche und das Goldene Tor empfängt Sie mit der
Aura fremdländischer Märchen.
Sie werden entlang der Prachtboulevards des modernen
Kiews schlendern. Sie lernen den Kreščatik kennen und den Unabhängigkeitsplatz (Maidan) als
wichtigsten Schauplatz der sogenannten "Orangen Revolution" im Herbst 2004.
Der nächste Tag gehört der pulsierenden Unterstadt Podil. Im einstigen Wohnhaus von
Bulgakow erhalten Sie interessante Einblicke in die Lebens- und Romanwelt des
herausragenden Schriftstellers.
In Podil geht es vorbei an historischen Handelshäusern zur
traditionsreichen Mohyla-Akademie. Wir besuchen die malerische Eliaskirche nahe des Dnjepr,
wo bereits 945 die erste Kirche der Kiewer Rus' gestanden haben soll. Den Chroniken zufolge
wurden hier 988 die Kiewer im Fluss getauft.
Bevor wir uns am nächsten Morgen auf die
Heimfahrt begeben, lassen wir den Tag mit delikater ukrainischer Küche ausklingen.